Gehörnte und Rostrote Mauerbiene – das Projekt Wildbienenschutz

April 29th, 2010

Ein Freund aus Tübingen machte mich vor kurzem auf das „Projekt Wildbienenschutz“ in Rottenburg am Neckar aufmerksam. Meinrad Lohmüller, Lehrer und Fachleiter für Biologie, setzt sich dort seit Jahren für die Wildbienen ein und war so nett, für uns ein paar Fragen zu beantworten.

A friend in Tübingen recently pointed me to a very intersting project. Biology teacher Meinrad Lohmüller has been working tirelessly for years to help protect the wild bees. He has been organizing expositions and many unusual school projects and a few years ago his group „Projekt Wildbienenschutz“ established a bee-themed nature trail with info-boards, „bee-hotels“ and additional study-material for students. Funding for his work comes mostly through sales of nesting boxes and „bee-hotels“. His work has also been awarded with several prices. Here, he talks about his projects for this year and why wild bees are so important.

Hallo, Herr Lohmüller, würden Sie sich und Ihr Projekt Wildbienenschutz bitte kurz vorstellen?

Unsere Arbeitsgruppe wurde 1989 von meinem Sohn Markus als Schüler der 3. Grundschulklasse im Alter von 9 Jahren zusammen mit Freuden gegründet. Die Kinder stimmten den 10 Grundsätzen der “Aktion Ameise” zu und schlossen sich dieser Gemeinschaft junger Naturschützer an, verwendeten auch deren Logo.

Nach dem Tod von Gunter Steinbach 2002, dem Gründer der “Aktion Ameise”, löste sich diese ideelle Gemeinschaft von Kindern und Jugendlichen leider auf und so gab sich unsere Gruppe dann den Namen und das Logo “Projekt Wildbienenschutz”. Heute besteht die Gruppe aus 5 Erwachsenen, hervorgegangen aus der ursprünglichen Gruppe.

Bis heute ist uns die Information unserer Mitbürger über die Bedeutung der Wildbienen, deren Schutz und eigene Möglichkeiten der Hilfe sehr wichtig. Dazu veranstalteten wir zahlreiche Aktionstage, den nächsten am 2. Mai zum Thema „Obstbau und Wildbienen“. Ein weiterer Schwerpunkt war und ist die Beratung von Schulen, von Obst- und Gartenbauvereinen sowie von Naturschutzverbänden beim Bau von Nisthilfen und Insektenhäusern, bei der Planung von Insektenprojekten. Dazu Vorträge mit dem Schwerpunkt “Wildbienen und ihre Förderung im Garten” und Workshops in Kindergärten, Grund- und Realschulen.

Vier große Insektenhäuser haben wir selbst im Bereich der Stadt Rottenburg am Neckar aufgestellt und 2004 an einem beliebten Wander- und Radweg am Rande von Weinbergen einen Informationspfad geschaffen, der auf einer Länge von 700 m auf zehn Tafeln über Wildbienen und Hummeln informiert, aber auch über die oft verkannten Hornissen. Für Schulklassen haben wir dazu Arbeitsblätter entwickelt, führen selbst Führungen durch für Vereine, Uni-Studenten der Biologie und im Rahmen von Lehrerfortbildungen.

Diese durchweg ehrenamtliche Arbeit haben wir finanziert durch den Bau und Verkauf von Nisthilfen, über Sponsoren und unsere Preisgelder. Von uns hergestellte Nisthilfen bieten wir in unserem Internet-Shop an, mit dessen Erlös wir weiterhin unsere Arbeit finanzieren. Mehr erfahren über unsere Arbeit können Sie auf unserer Seite www.wildbienenschutz.de.

Was ist in diesem Jahr Ihr Schwerpunkt?

In diesem Jahr bilden, neben der anderen Arbeit, die Gehörnte und die Rostrote Mauerbiene, die im Garten, Schrebergarten oder auch in einer Obstanlage die Bestäubung verbessern, daneben auch interessante Beobachtungen für Groß und Klein liefern, unseren Arbeitsschwerpunkt. Da von ihnen keinerlei Gefahr ausgeht, sind sie wie alle Wildbienen sehr geeignet, Kinder über deren Haltung und Beobachtung an Insekten heranzuführen.

Bild: Ein Weibchen von Osmia cornuta verschließt den vollbelegten Brutgang mit einem Pfropf aus Lehm.

Warum sind Ihnen die Mauerbienen so wichtig?

Schon seit Jahren ist die Imkerei in Deutschland stark rückläufig, geht dadurch und durch das Bienensterben durch Milben, Viren und Gifte die Zahl der Honigbienenvölker zurück. Als Folge findet die Bestäubung der Obstblüten nicht ausreichend statt, sind die Erträge geringer und von schlechterer Qualität.

Neueste Berichte schätzen den Verlust an Bienenvölkern im vergangenen Winter auf bis zu 200.000 Völker, mehr als doppelt so viele wie sonst im Winter üblich. Ursache war aber nicht der harte Winter, sondern die Varroa-Milbe, die das Blut der Bienen saugt und somit auch Krankheiten überträgt.

Doch eine reiche Obsternte, Erträge von Ackerpflanzen kann es nur geben, wenn die Obstblüte bestäubt wird, also Pollen auf die Narbe gelangt und danach Befruchtung und Fruchtbildung erfolgen. Fast alle modernen Kirsch-, Apfel- und Birnensorten sind jedoch selbststeril, d.h. die Blüten können nicht durch den Pollen derselben Sorte per Windbestäubung befruchtet werden. Die Fruchtbildung ist folglich nur möglich, wenn es zur Fremdbestäubung kommt, also Pollen einer fremden Sorte durch Insekten auf die Narbe übertragen wird, und dies zur rechten Zeit.

Doch das Problem der fehlenden Blütenbestäuber kann gemindert werden, wenn die “Bestäuber-Gesellschaft der Honigbienen und Hummeln” durch entsprechende Mauerbienenarten und auch Sandbienenarten erweitert wird. Im Obstbau haben sich seit Jahrzehnten die Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta) und die Rostrote Mauerbiene (Osmia bicornis) als optimale Bestäuber erwiesen:

  • Die Gehörnte Mauerbiene -Hauptflugzeit ab Mitte März bis Ende April- besonders geeignet für Steinobst
  • Die Rostrote Mauerbiene- Hauptflugzeit ab Mitte/Ende April bis Ende Mai- besonders für Stein- und Kernobst, Erdbeeren, Himbeeren, Johannis- und Stachelbeeren

Insektenbestäubung bei Obst bedeutet höheren Fruchtansatz, größere Früchte, bessere Fruchtqualität und erhöhte Haltbarkeit der Früchte. Und hier gibt es gute Gründe für den Einsatz der Mauerbienen:

  • Mauerbienen sind sehr effektive Bestäuber von allen Baum-Obstsorten sowie Erdbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Kulturheidelbeeren.
  • Ein Mauerbienenweibchen erbringt die Bestäubungsleistung von 80 bis 300 Honigbienen.
  • Mauerbienen lassen sich mit passenden Nisthilfen leicht ansiedeln und vermehren.
  • Mit Mauerbienen lässt sich gut eine Bestäuber-Struktur aufbauen, die das Risiko eines Bestäubungsausfalls mindert.
  • Mauerbienen fliegen vom frühen Morgen bis zum Einbruch der Dunkelheit, bei sonnigem Wetter schon ab 40C, bei  bedecktem Wetter ab 100 C.
  • Mauerbienen sind ortstreu.
  • Mauerbienen sind nicht sortenstet, daher erfolgt eine gute Befruchtung auch bei selbststerilen Obstsorten.
  • Mauerbienen verweilen länger auf der Blüte als die Honigbienen und erzielen dadurch eine höhere Bestäubungsrate.
  • Mauerbienen sammeln den Pollen trocken, getrennt vom Nektar. Dadurch erfolgt ein guter Pollenaustausch auf der Blüte, eine gute Pollenkeimung und schließlich eine sehr gute Befruchtung.

Vielen Dank bis hierher!

Im zweiten Teil wird Herr Lohmüller Tipps geben, wie jeder selbst etwas zum Schutz der Wildbienen beitragen kann.

8 Responses to “Gehörnte und Rostrote Mauerbiene – das Projekt Wildbienenschutz”

  1. 1 Sibylle
    April 30th, 2010 at 15:38

    “Mauerbienen sammeln den Pollen trocken, getrennt vom Nektar”- wie habe ich mir das vorzustellen?

  2. 2 Meinrad Lohmüller
    April 30th, 2010 at 16:48

    Honigbienen und Hummeln transportieren den Pollen in ihren “Körbchen” an der Außenseite ihrer Hinterbeine. Sie bürsten den Pollen aus den Haaren, befördern ihn dann in die Körbchen. Damit der Pollen nicht aus den “Körbchen/Höschen” heraus fällt, wird er mit Nektar klebrig gemacht.
    Die Bauchsammlerbienen, dazu gehören die obstbestäubenden Mauerbienen, sammeln und transportieren den Pollen mithilfe ihrer dichten Bauchbehaarung trocken. Bei der Trockensammlung fällt mehr Pollen für die Bestäubung ab.

  3. 3 Sibylle
    April 30th, 2010 at 17:34

    Vielen Dank, das ist ja interessant. Und wo transportieren die Mauerbienen dann ihren Nektar?

  4. 4 Meinrad Lohmüller
    April 30th, 2010 at 19:03

    Bienen besitzen einen Saugrüssel, mit dem sie den Nektar aufnehmen. Der Nektar wird dann im Vorderdarm der Biene-auch als Honigblase oder Kropf bezeichnet- gesammelt und später im Nest erbrochen.
    Nektar ist für die Biene eine leicht verdauliche Zuckerlösung, die ihr rasch Energie liefert.Für die erwachsene Biene der “Treibstoff” für den Flug.
    Nektar wird von den Mauerbienen aber auch der Larvennahrung beigemischt. Dabei ist zu beobachten, dass Osmia cornuta dem Pollen mehr Nektar zugibt als Osmia bicornis, das Pollenbrot bei ihr also feuchter ist.

  5. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Scoutbee, Flugradius (bas_t) erwähnt. Flugradius (bas_t) sagte: Gehörnte und Rostrote Mauerbiene – das Projekt Wildbienenschutz http://ow.ly/1FSXl (via @scout_bee) #bienen [...]

  6. 6 Sibylle
    May 7th, 2010 at 11:19

    Vielen Dank Herr Lohmüller für Ihre Informationen. Ich habe Ihr Projekt gleich weiter empfohlen an meine Schwester in Tübingen. :-)

  7. [...] dezimierten Völker). In Deutschland laufen mehrere Forschungsprojekte zum Einsatz von zwei Mauerbienenarten. Dazu werden Mauerbienenkokons ausgebracht, die im Kühlschrank überwintert wurden. Die [...]

  8. 8 Rottenburg am Neckar - Blog - 29 Apr 2010
    August 6th, 2010 at 10:32

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